Gaslighting im Büro

Unsere Autorin wurde über Jahre hinweg von ihrem Arbeitskollegen sprichwörtlich terrorisiert. Als sie versteht, was dort vor sich geht und wie aussichtslos ihre Situation ist, bittet sie ihren Chef um Hilfe - und wird einige Zeit später gekündigt. Die Geschichte hat sich um den Jahreswechsel 2015/2016 so in einer Redaktion ereignet. Die Namen der beteiligten Personen wurden geändert.

Komm bitte mal kurz mit auf den Flur, wir haben etwas zu besprechen.

 

---Flur---

 

Lisa, hör auf, ständig so einen Aufstand zu machen.

 

Ich habe dich nur per Mail gebeten, mich in Ruhe zu lassen und endlich vernünftig mit mir zusammen zu arbeiten.

 

Ich mache doch gar nichts. Es macht mich so wütend, dass du ständig so einen Terz veranstaltest, ich muss mich echt so zusammen reißen, dass ich jetzt nicht gewalttätig werde.

 

Du willst nichts klären, du bedrohst mich. Ich gehe jetzt.

 

Ich bedrohe dich?! Lisa, ich finde es unglaublich – ich möchte hier sachlich einige Dinge mit dir klären und du verweigerst das Gespräch, kein Wunder, dass mich das so wütend macht, dass ich fast ausraste!

 

Wenn du wirklich was mit mir klären wolltest könnten wir uns außerhalb der Arbeit treffen und vernünftig miteinander sprechen.

 

Du willst doch nur, dass das Treffen im Bett landet.

 

Ich will dass du mich in Ruhe lässt, nicht ständig meine Mails ignorierst bis ich an deinem Schreibtisch stehe. Und ich möchte, dass du mit solchen Aktionen wie dieser aufhörst.

 

Und jetzt schiebst du mir auch noch die Schuld in die Schuhe, nur weil du nicht damit klar kommst, dass ich dir mal eine Abfuhr gegeben habe – es ist unmöglich, Lisa.

 

 ---

 

Mehrere Jahre lang gehörten solche absurden Überraschungsgespräche zu meinem Berufsalltag. Tom und ich hatten uns vor Ewigkeiten mal ganz gut verstanden – gelaufen war nie was zwischen uns. Statt dessen war unser „Verhältnis“ von Beginn an eine einzige Eskalationsspirale.

 

Es gab Zeiten, in denen ich dachte, Tom wolle was von mir und sei einfach nur zu schüchtern. Ich habe aufgemacht – ihm gesagt und gezeigt, dass er keine Angst vor mir haben muss und ich ihn nicht verletzen würde.

 

Manchmal ist Tom, der damals vor allem extrem sensibel auf mich wirkte, darauf eingegangen. Und dann unterstellte er mir plötzlich aus heiterem Himmel, ich würde ihn manipulieren, wollte ihn ausnutzen und betonte er wolle ja auch eigentlich gar nichts von mir und überhaupt sei ich ja Schuld an allem.

 

Über Jahre ging das so – Jahre, in denen er mich immer heftiger einwob, ich handlungsunfähiger und ängstlicher wurde.

 

Irgendwann fragte ihn ein gemeinsamer Bekannter, was denn eigentlich das Problem zwischen uns sei. Tom log ihm glaubhaft vor, ich würde ihn stalken.

 

Ich bekam Angst. Tom war unberechenbar. Ich bat ihn schriftlich solch üble Nachrede zu unterlassen und bat ihn zu akzeptieren, dass ich keinen persönlichen Kontakt mehr wünschte und wir alles Berufliche gerne per Mail oder über Kollegen klären könnten.

 

Tom ging nicht auf meine Bitte ein sondern statt dessen zur Polizei.

 

Sechs Wochen dauerte es bis seine Anzeige aus Mangel an Beweisen eingestellt wurde.

 

Und dann kam Tom, also der Mann, der der Polizei erzählt hatte, er würde sich von mir bedroht fühlen, urplötzlich in einem ungestörten Augenblick zu mir, tat als sei nichts gewesen, wünschte mir alles Gute und ging - ohne eine Reaktion von mir abzuwarten.

 

Ich bekam Panik.

 

Ich informierte unseren Chef, sagte, Tom müsse entweder mal einen ordentlichen Einlauf bekommen, mich endlich in Ruhe zu lassen oder ich wollte die Schichten haben, wenn er nicht da ist.

 

Einige Tage später fand ich mich in einem Gespräch mit meinem Chef wieder: Was ich sagte sei verrückt. Tom mache gar nichts. Er, mein Chef,  sei entsetzt, dass er erst jetzt darüber informiert werde, dass es Stalking in seiner Redaktion gebe. Er selbst wisse aus eigener Erfahrung dass Frauen hysterisch seien und emotional überreagierten, wenn sie abgewiesen würden. Ich solle doch bitte mal darüber nachdenken, was denn mein Teil an der ganzen Geschichte sei, es sei traurig, dass ich dahingehend keinerlei Schuldgefühle hätte und wenn ich nicht mit Tom zusammen arbeiten könne, sollte ich mir halt einen neuen Job suchen.

 

Tom hatte ihn offenbar perfekt vorbereitet und für all meine Einwände immun gemacht.

 

Als ich erwiderte, dass das Stalking in Toms Kopf war (wofür es mit der Einstellung der Anzeige ja sogar handfeste Beweise gab), Tom mich bedrohte und mir sein unberechenbares Verhalten Angst mache, erwiderte mein Chef nur Dinge wie: „Ach Lisa, das ist doch Quatsch. Es ist doch so eindeutig: du willst unbedingt Kontakt zu Tom und er nicht zu dir, mach' dir nichts vor. Mit dieser Niederlage und Abweisung musst du umgehen lernen, ich weiß dass das schwer für dich ist.“  All meine Argumente wurden abgetan oder ins Lächerliche gezogen, logische Erklärungen ignoriert. Schutz oder gar Hilfe bekam ich von meinem Chef – auch auf heftiges Flehen hin - nicht.

 

Ich bekam Panikattacken und Asthma, schrieb dem Chef, ich könne so nicht mehr arbeiten. Er legte mir das als Kündigung aus, behauptete fortan, wir hätten gemeinsam beschlossen, dass ich nicht mehr arbeite und sagte meinen Kollegen ich sei psychisch krank und hätte gekündigt.

 

Als ich ihn schriftlich damit konfrontierte und ihm sagte, dass wir vielleicht doch einfach mal miteinander reden sollten, wurde ich schlichtweg komplett ignoriert. Ich hatte noch offene Dienste, war auf dem Papier auch weiterhin beschäftigt und wusste nicht, was Sache war. Also schrieb ich seinem Vorgesetzten, dass ich ignoriert wurde und ich nicht wisse, wie ich mich verhalten solle und dass ich mich freuen würde, wenn wir uns einfach mal an einen Tisch setzten.

 

Drei Tage später klingelte der Postbote: Es war eine Kündigung: ich würde nicht mehr ins Team passen und man würde mir daher kündigen.

 

Kurzum: der Chef war offensichtlich nicht damit klargekommen, dass ich ihn kritisiert und sein Urteil in Frage gestellt hatte und hatte sich darum meiner entledigt.

 

 

 ---Das Leben danach---

 

Nach der Kündigung fühlte ich mich wie ein Mensch, der nach jahrelanger Geiselhaft und Gefangenschaft endlich frei war. – Ja, man hatte mir alles entrissen, aber der Krieg war vorbei. Endlich wurde ich nicht mehr zur Täterin stilisiert um meine traurigen Versuche mich zu befreien, wieder gegen mich zu verwenden. Ich war unendlich froh, den ständigen Attacken durch Kollegen und Chef entkommen zu sein. Die Panikattacken wurden weniger.

Ich fragte an verschiedenen Stellen nach finanzieller Unterstützung, wurde aber immerwieder abgewiesen, da es sich 'nur' um psychische Gewalt gehandelt hatte.