Gaslighting in der Beziehung

Alex war der absolute Traumtyp. Wir lernten uns über das Internet kennen und waren sofort auf einer Wellenlänge. Es war, als hätte ich meinen Seelenverwandten getroffen.

Wir gingen ein paar Mal miteinander aus und begannen recht schnell, eine Beziehung miteinander zu führen - nur, dass Alex das, was wir miteinander hatten, nicht "Beziehung" nennen wollte. Er erklärte mir, dass das Wort ihm Angst mache, denn er hatte in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen in Sachen Liebe gemacht. Seine Ex-Freundin sei eine manipulative Borderlinerin gewesen, die ihn bis heute stalken würde, und das, was er mit mir nun hatte, wäre etwas ganz Besonderes und würde dem Wort "Beziehung", wie er es kannte, nicht gerecht werden. Alex wollte uns nicht definieren. Ihm wäre nur wichtig, dass wir niemals wieder ohne einander sein müssten, sagte er. Dafür bräuchte es keine Worte, unsere Gefühle füreinander würden es beschreiben, ohne dass wir es aussprechen müssten.

Die anfängliche Euphorie verflog allerdings schnell. Immer wieder stellte Alex Vergleiche zwischen mir und seiner Ex-Freundin her, machte mir Vorwürfe für Dinge, die ich angeblich getan hatte, an die ich mich allerdings nicht erinnern konnte und gab wahlweise ihr oder mir die Schuld an Dingen, die bei uns nicht richtig liefen. Ich versuchte, immer mein Bestes zu geben, doch was ich auch tat, es schien immer falsch zu sein. Alex bestrafte mich für Fehler, die mir nicht bewusst waren, am liebsten mit tagelangem Schweigen.

Als ich wieder einmal nicht weiter wusste, zog ich seine Schwester zu Rat. Ich dachte, sie könne mir vielleicht sagen, wo meine Fehler lägen und was ich tun könne, um den immer abwesender und aggressiver wirkenden Alex wieder glücklich zu machen. Sie erzählte mir, dass seine Ex-Freundin eben schwierig gewesen sei und dass ich ihm mehr Zeit geben solle, sich vollständig auf mich einzulassen, versicherte mir aber gleichzeitig, dass Alex nur in den höchsten Tönen über mich sprechen würde. So, wie er bei ihr über mich sprach, habe er in mir die Frau fürs Leben gefunden. Er wolle, dass das mit mir für immer hielt, sagte sie.

Einige Tage später, nachdem er sein wiederholtes silent treatment endlich für beendet erklärt hatte, sprach ich Alex auf die Worte seiner Schwester an. Er wurde wütend, machte mir Vorwürfe, dass ich mir von einer fremden Person Ratschläge geholt hatte und sagte mir, dass unsere Probleme einzig und alleine auf meine Unsicherheit zurückzuführen wären. Ich fragte ihn, was ich seiner Meinung nach hätte tun sollen, wo er mir doch nicht sagte, was ich diesmal falsch gemacht hätte und er antwortete, dass ich ihn einfach nerven würde. Er wäre zu beschäftigt gewesen, um sich bei mir zu melden und unterstellte mir, verrückt zu sein, weil ich geglaubt habe, sein fast zweiwöchig andauerndes Schweigen hätte etwas mit mir zu tun gehabt.

Das Spiel zog sich über mehrere Monate. Ich vertraute Alex und gab mir die Schuld an allem, was bei uns nicht richtig lief. Ich opferte mich auf, um ihn glücklich zu machen. Wenn ich selbst einmal anmerkte, dass meine Stimmung sehr gedrückt sei und ich mich nicht gut fühlte, hatte Alex immer einen Grund dafür parat, der mir plausibel schien - schlechte Ernährung, zu viel Stress an der Arbeit, die falschen Freunde. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er es war, der mich so unglücklich machte, indem er mir immer wieder Dinge einredete, die nicht der Realität entsprachen und mich als vergesslich oder gar paranoid darstellte, wenn ich darüber sprechen wollte.

Ich fühlte mich wie der schlechteste Mensch der Welt, kam mir regelrecht krank vor und weil ich Alex nicht zur Last fallen wollte, versuchte ich, mich von ihm zu trennen. Ich wollte, dass er glücklich ist, und mit mir konnte er das unmöglich sein. Niemand ist gerne mit einer Verrückten zusammen, und offensichtlich war ich genau das: verrückt.

Alex jedoch kämpfte um mich. Er versprach mir, auch diese Zeit mit mir zu überstehen. Er sagte mir, dass er mich über alles liebte und dass alles wieder in Ordnung kommen würde, wenn ich mich meinem Problem stellen und an meinem Verhalten arbeiten würde. In dieser Zeit weinte ich sehr viel, suchte Trost bei Alex, ließ mich von ihm führen. Er war tatsächlich für mich da.

Bis er eines Tages aus heiterem Himmel damit hervor brach, dass er nicht mehr könnte. Ich sei zu abhängig von ihm, zu anhänglich und würde ihm all seine Freiheiten rauben. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Er hatte mir gegenüber nie ein solches Bedenken geäußert. Als ich ihn fragte, woher dieser Ausbruch so plötzlich käme, warf er mir vor, dass er bereits mehrfach versucht hätte, dieses Thema anzusprechen, ich ihn jedoch immer direkt unterbrochen hätte, weil ich seine Worte einfach nicht hören wollte. Ich konnte mich an keine solche Situation erinnern. Alex sagte, das läge daran, dass ich tatsächlich verrückt sei und solche Dinge bewusst beiseite schieben würde, um mich der Wahrheit zu entziehen. Er habe noch nie einen Menschen kennengelernt, der so sehr in einer Fantasiewelt leben würde wie ich, und sogar seine Borderline-Ex wäre weniger gestört als ich. Er warf mir vor, ihn wie einen festen Partner behandelt zu haben, obwohl doch von Beginn an klar gewesen wäre, dass wir keine Beziehung miteinander führten. Als ich etwas erwidern wollte, hatte er bereits die Flucht ergriffen und war zur Tür hinausgestürmt.

Ich verstand einfach rein gar nichts mehr. Meine Emotionen liefen regelrecht Amok, ich wandelte zwischen Panik, Wut, Selbsthass und Depression. Ich schrieb ihm Mails, in denen ich ihm sein eigenes Verhalten vor Augen führte, Mails, in denen ich um ein vernünftiges Gespräch bat, Mails, in denen ich mich für mein Verhalten entschuldigte. Jeder meiner Kontaktversuche, um die Situation zu klären, blieb unbeantwortet. Nur hin und wieder gab es ein paar Seitenhiebe, zum Beispiel in Form von SMS, die eine Andeutung enthielten, doch wenn ich darauf antwortete, machte er mich an, dass ich doch hätte checken müssen, dass die nicht an mich gerichtet war und er sich lediglich vertippt hätte. Das Gleiche passierte mit Anrufen. Er ließ bei mir anklingeln, doch wenn ich ihn zurück rief, sagte er mit kühler Stimme, dass er sich nur verwählt hätte und ich endlich aufhören solle, ihn zu stalken, er wolle mit einer Psychoschlampe wie mir nichts zu tun haben, das sollte mir inzwischen doch klar sein.

Ich begab mich - in der festen Überzeugung, eine schwere Persönlichkeitsstörung zu haben - in therapeutische Behandlung, um mein ganzes Fehlverhalten ihm und auch anderen gegenüber aufzuarbeiten. Es dauerte ein halbes Jahr, bis ich begriffen hatten, dass nicht ich diejenige gewesen war, die etwas falsch gemacht hatte, sondern er. Ich war Opfer narzisstischer Gewalt geworden, und Alex war der Täter. Ich versuchte, Alex zur Rede zu stellen, indem ich zu ihm fuhr, doch er spielte sich weiterhin als Opfer auf und sorgte dafür, dass auch seine beiden Mitbewohner mitbekamen, wie "krass ich ihn doch stalkte". Erst da verstand ich, dass er wirklich glaubte, was er sagte. Er verstand sich selbst als Opfer von Gewalt und war sich der Rolle des Täters überhaupt nicht bewusst. Es war absolut sinnlos, mit ihm zu reden - er würde mir jedes Wort so lange im Mund herumdrehen, bis er mich vor seinen Zeugen in eine eindeutige Täterposition gedrängt hätte.

Ich setzte meine Therapie fort. Ich lernte, mit den tiefsitzenden psychischen Verwundungen, die Alex hinterlassen hatte, umzugehen. Und mich selbst weder als Opfer noch als Täterin zu sehen - sondern als Überlebende.