Gaslighting in der WG

Ich weiß noch genau, welchen Song ich hörte, während ich die Kisten in meiner ersten WG auspackte. Wie ich mich dabei fühlte – endlich von Zuhause ausgezogen, Innenstadt, absolutes High Life und wenn ich Eis zum Frühstück essen wollte, dann war das ab jetzt einzig und allein meine Sache. Das würde die beste Zeit meines Lebens werden, da war ich mir sicher.

Ich lernte David* auf einer Party kennen. Selten hatte ich bei jemandem von Anfang an so ein vertrautes Gefühl; das Gefühl, einem Menschen so viel binnen kürzester Zeit anvertrauen zu können. Er war ein unheimlich sympathischer und charismatischer Mensch. Wir tranken öfter einen Kaffee, gingen zusammen feiern, tanzten wie bescheuert in unserem Lieblingsclub und quatschen während so mancher Afterhour bis in den frühen Nachmittag.

Als sein Mitbewohner auszog, zögerte ich nicht lange, David zu fragen, was er von mir als neuer Mitbewohnerin hielt. Und irgendwann war es dann so weit – ich zog ein. Die Warnungen gemeinsamer Bekannter – "Bist du sicher, dass du mit DEM zusammenziehen willst?", "Das Zusammenleben mit ihm ist nicht so cool, wie du es dir vorstellst" – ignorierte ich geflissentlich. Einerseits, weil ich endlich aus meinem Elternhaus raus wollte, andererseits, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass an diesen Bemerkungen auch nur der kleinste Funken Wahrheit haftete.

Die ersten Monate liefen super. Wenn ich krank war, kümmerte er sich beinahe rührend um mich, wenn ich aufgrund meiner Depressionen tagelang das Bett nicht verlassen konnte, war er es, der mich motivierte, wenigstens irgendetwas zu tun. Er hatte einen ziemlich obsessiven Putzzwang, aber hey, können Mitbewohner nicht deutlich schlimmere Angewohnheiten haben? Dass das möglich ist, sollte ich einige Zeit später auf sehr schmerzhafte Art und Weise lernen.

Es begann damit, dass er mich für meine erledigten (oder seiner Meinung nach eben nicht erledigten) Aufgaben im Haushalt kritisierte. Anfangs noch, indem er die Bemerkung:"(...) aber du bist ja auch gerade erst von Zuhause ausgezogen, das kommt schon noch" anhängte. Binnen weniger Wochen steigerte es sich dahingehend, dass er mich, wenn ich die Küche nicht so geputzt hatte, wie er es für richtig hielt, mit stundenlangem Silent Treatment bestrafte. Er tat so, als existierte ich nicht. Und das, obwohl er doch wusste, dass genau dieses Verhalten von meinen Eltern seit frühester Kindheit angewendet wurde und ich bis in meine späte Jugend massiv darunter gelitten hatte.

Erledigte ich die Haushaltsaufgaben ohne Mängel, fand er andere Gründe, die mit der Zeit immer bizarrer wurden: dass ich am Wochenende gerne feiern ging und hin und wieder zu viel Alkohol trank, dass ich manchmal One night stands hatte, dass ich manchmal, wenn ich Lust dazu hatte, drei Stunden damit verbrachte, mich zu stylen. Obwohl er von meiner größtenteils überwundenen Essstörung wusste, machte er keinen Halt davor, mein Essverhalten zu kritisieren – und das nicht etwa dahingehend, dass er sich sorgte, sondern immer wieder unterschwellig provozierend.

Anfangs suchte ich den Fehler ganz selbstverständlich bei mir, weil ich nicht verstand, wie dieser unglaublich sympathische Mensch, zu dem ich anfangs so eine enge Verbindung hatte, plötzlich so wütend auf mich sein konnte. "Es muss ja meine Schuld sein", dachte ich und versuchte, wo ich nur konnte, seinen Erwartungen zu entsprechen. Tat ich das in einem Bereich, widmete er sich dem nächsten.

An einem Nachmittag eskalierte die Situation komplett. Er schrie mich über Stunden pausenlos an, ließ mich selbst dann nicht zu Wort kommen, wenn er mir Fragen stellte (wenn ich im Begriff war, auf etwas zu antworten, brüllte er nur:"Halt deine Fresse!") und wurde so laut, dass sich sogar Nachbarn per SMS bei mir erkundigten, ob alles in Ordnung sei.
Immer wieder sagte er mir, ich sei der furchtbarste Mensch der Welt und dass ich mich niemals ändern könne. Ich gab Dinge zu, die ich niemals getan, gesagt oder beabsichtigt hatte, weil ich wollte, dass es aufhört. Als säße ich in einem Verhör mit Holzpflöcken unter meinen Nägeln.
Er drohte mir damit, meinen Freunden "zu verraten", wie ich "wirklich" sei, danach würde niemand mehr etwas mit mir zu tun haben wollen und ich würde alleine dastehen, so wie ich es verdiene. Ich heulte. Stundenlang. Als ich zu hyperventilieren begann, unterstellte er mir, ich würde simulieren, um mich der Diskussion entziehen zu können. Diskussion? Das hier war ein Monolog.

Ich sagte David mehrfach unter Tränen, dass er mich bitte in Ruhe lassen sollte, weil ich mich kaum noch aufrecht halten konnte, ich flehte ihn sogar auf Knien an. Nicht nur, dass er dem nicht Folge leistete, nein, er sah mir ins Gesicht und sagte:"Nein! Du hörst dir gefälligst an, was ich zu sagen habe!"

Danach tat ich etwas, das ich seit vielen Jahren nicht mehr getan hatte. Ich nahm mir eine Rasierklinge, schloss mich im Bad ein und begann mich zu schneiden. Dreizehn lange, tiefe Schnitte in meinen rechten Oberschenkel. Während ich noch dabei war, stand David vor der Badezimmertür und forderte mich auf, herauszukommen, damit er mich weiter mit meinem miserablen Charakter konfrontieren könne. Als ich hörte, wie er in sein Zimmer ging, wickelte ich mir Papier um mein Bein und verließ das Bad. Nachdem ich wieder in meinem Zimmer war, stürmte er herein, schrie weiter, bis ich irgendwann sagte, dass ich mich gerade geschnitten habe und jetzt Zeit für mich bräuchte. Was folgte, war eine weitere Hasstirade über das angebliche Motiv meiner Selbstverletzung – ihm ein schlechtes Gewissen zu machen. Dass das nicht der Fall war, muss ich niemandem erklären, der schon einmal so weit gegangen ist, sich selbst mutwillig zu verletzen.

David ging in sein Zimmer und spielte Gitarre. Ich rief eine meiner besten Freundinnen an und fragte, ob sie zufällig vorbeikommen könnte. Sie kam. Als wir in meinem Zimmer saßen und ich ihr erzählte, was vorgefallen war, platzte David abrupt in mein Zimmer, um sich beim Anblick meiner Freundin lautstark darüber zu echauffieren, dass ich mir Beistand geholt hatte. Wie ich es wagen könne, jemanden in unsere Wohnung zu holen, wenn er sich in einem solchen Zustand befand. Ich würde ihn damit lediglich bloßstellen wollen.

Später am Abend hatten wir, wie durch ein Wunder, wieder einen einigermaßen humanen Umgang miteinander gefunden. Oder besser er mit mir. Als ich im Bett lag, bemerkte ich, dass meine Schnitte auch nach sechs Stunden noch bluteten, also stand ich auf, um einen Verband zu suchen. Als ich keinen fand, ging ich zu David in die Küche und fragte, ob er mir etwas derartiges geben könne.
Er sagte:"Ich muss die Wunden sehen, erst dann kann ich dir sagen, was du damit am besten machst."
Ich antwortete:"Aber ich will sie dir nicht zeigen. Gib' mir einfach einen Verband, eine Kompresse oder irgendetwas in der Art."
"Nein, ich kann das so nicht beurteilen."
"Nach diesem Tag und all diesem Stress möchte ich das aber nicht."
"Doch, mach' es bitte jetzt."
Ich zog meine vollgeblutete Jogginghose runter und zeigte ihm die Schnitte. Er machte ein schmerzverzerrtes Gesicht und gab mir Wunddesinfektionsspray und einen Verband.

Ich legte den Verband an und ging wieder ins Bett. Kurze Zeit später klopfte David an meiner Tür.
"Dass du mir eben unbedingt deine selbst zugefügten Schnitte zeigen musstest, hat mir nur einmal mehr bewiesen, dass du ein sehr kranker Mensch bist. Du wolltest mir damit nur ein schlechtes Gewissen machen und mich manipulieren."
Ich traute meinen Ohren nicht.
"Aber ich wollte sie dir doch gar nicht zeigen..!?"
"Doch, das wolltest du unbedingt und darüber denkst du jetzt bitte nach."

In dieser Nacht schlief ich so gut wie gar nicht. Immer wieder ging ich in meinem Kopf die Situation aus der Küche durch. Ich war doch anwesend, während wir diesen Dialog führten! Kann ich vielleicht meiner Wahrnehmung nicht mehr trauen?

Die Wochen nach diesem Tag waren anstrengend, aber es wurde besser. Bis David an einem Sonntag wieder ausrastete. Dieses Mal war sein Aufhänger, dass ich trotz seiner "Ratschläge" – die darin bestanden, mich regelrecht dazu zu zwingen, mit ihm Schluss zu machen – wieder mit meinem Ex-Freund angebandelt hatte. Der gute Umgang, den David und ich inzwischen wieder miteinander gefunden hatten, war weg. Als sei es nie anders gewesen. Ich sehe sein Gesicht heute noch vor mir, wie er unentwegt schreit, Gegenstände nach mir wirft, knallrot anläuft. Ich saß da und konnte nichts sagen, während er sogar so weit ging, mir vorzuwerfen, ich sei an einer traumatischen Erfahrung aus meiner Vergangenheit selbst Schuld, wenn ich den Täter damals so provoziert hätte wie ihn jetzt gerade. In diesem Moment beschloss ich, meinem Leben ein Ende zu setzen. Nicht nur, weil ich Davids systematischen Psychoterror nicht mehr aushielt, sondern auch deshalb, weil er mich inzwischen soweit gebracht hatte, daran zu glauben, dass ich nichts anderes tat, außer meinen Mitmenschen, besonders ihm, das Leben zur Hölle zu machen. David sagte:"Ich habe gerade einen Nervenzusammenbruch und du bist Schuld an allem.". Ich dachte:"Ich habe es verdient, zu sterben."

Ich verließ die Wohnung. Drei lange Stunden, die mir wie Tage vorkamen, verbrachte ich damit, über mein Leben nachzudenken. Letztendlich entschied ich mich gegen das Sterben.
Ich kehrte in die Wohnung zurück, so leise wie ich konnte, weil ich nicht riskieren wollte, dass David mich bemerkte und womöglich alles wieder von vorne losging.

Es vergingen ein paar weitere, anstrengende Tage, in denen David u.A. das Schloss unserer Badezimmertür abmontierte und mir verbot, meine Zimmertür zu schließen. Dass ich ausziehen würde, war für uns beide klar. Auch der Grund für meinen Auszug: dass er mich nicht mehr erträgt. Ich hatte all diese Angriffe gegenüber meiner Person mittlerweile so sehr verinnerlicht, dass ich kaum daran dachte, diesen Schritt für meine eigene psychische Gesundheit zu gehen. Sondern für seine.

Aufgrund eines Wasserschadens hatten wir in der kommenden Woche Handwerker in der Wohnung. Ich weiß nicht mehr genau, was an diesem Tag in meinem Kopf passierte, aber es war das erste Mal, dass ich mich gegen Davids Angriffe wehrte. Ich brach nicht einmal mehr in Tränen aus, ich war einfach nur noch unglaublich wütend. Wütend über die Ungerechtigkeit, die Art und Weise, wie er mich behandelte. Als die Handwerker kurz die Wohnung verließen, lehnte ich die Wohnungstür an, weil ich wusste, dass David gleich den absoluten Zenit seiner Lautstärke erreichen würde.
Ich sagte, dass ich die Schnauze voll hätte. Von ihm, von seinen Charakterzügen, die er auf mich projizierte, von seiner Absicht, mich ganz bewusst in die tiefsten Täler meiner Depression zu treiben. Ich sagte sogar, dass mich gemeinsame Bekannte vor meinem Einzug vor ihm gewarnt hatten. Ich sollte Recht behalten mit meiner Vermutung.

David schrie so laut, dass sich seine Stimme überschlug, beschimpfte mich auf's Übelste, warf Gegenstände durch die Wohnung. Plötzlich stand einer der Handwerker im Flur. David war derjenige, der ihn bemerkte, weil ich mich zu diesem Zeitpunkt an einem Punkt in meinem Zimmer befand, von dem aus ich den Wohnungsflur nicht einmal dann hätte sehen können, wenn meine anatomischen Fähigkeiten denen eines Zirkusartisten geglichen hätten. Nachdem David sich kurz um den Handwerker kümmerte, warf er mir vor, diese Situation provoziert zu haben. Er sagte:"Du hast genau gesehen, dass er bereits in der Wohnung stand und hast mich dann ganz bewusst provoziert, weil du wusstest, wie ich reagieren würde. Du wolltest mich blamieren!". Es war das erste Mal, dass ich einen solchen Vorwurf von ihm nicht annahm, ihn nicht bis ins kleinste Detail gedanklich zerpflückte.

Zwei Tage später lag ich krank im Bett, als David mein Zimmer betrat und mir vorwarf, zu simulieren.
Er bestieg die Treppe meines Hochbettes, riss mir meine Bettdecke weg und warf sie in den Wohnungsflur. Ich stand auf, fragte ihn, ob er jetzt völlig bescheuert sei und ging in den Flur, um meine Decke zu holen. David nahm einen Wäschekorb, der in der Ecke meines Zimmers stand, zerbrach ihn und bedrohte mich mit dem scharfkantigen Plastik. Ich schnappte mir mein Handy, schloss mich im Bad ein (was zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise wieder möglich war, da David in der Zwischenzeit mehrfach Besuch empfangen hatte und es ihm vermutlich zu unangenehm gewesen wäre, erklären zu müssen, weshalb er das Schloss abmontiert hatte) und rief meinen Therapeuten an, der gerade mitten in einer Sitzung war. Ich sagte:"Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich nicht mehr sicher bin.". Er sagte, ich solle die Polizei rufen. Polizei? Ich hatte noch nie in meinem Leben wegen irgendwas die Polizei gerufen. Und so zögerte ich.

Ich kauerte wie ein verängstigtes Tier in einer Ecke des Badezimmers, heulte und hyperventilierte, während David an die Tür hämmerte. Ich informierte meine Schwester über das, was gerade in meiner Wohnung passierte und sie setzte sich sofort ins Auto. Als sie die Wohnung betrat, schrie sie David an, wie er es wagen könne, so mit mir umzugehen. Ich weiß nicht, was in diesem Moment in Davids Kopf passierte, aber er sagte tatsächlich, dass ich an absolut allem, was in seinem Leben schief gelaufen war, Schuld sei, auch am Suizidversuch seines Vaters vor einigen Jahren. Ich kannte seinen Vater nicht einmal. Dass ich mich besser hätte umbringen sollen. Aus Angst, er könne womöglich auch noch meine Schwester bedrohen oder gar verletzen, rief ich die Polizei.

Meine Schwester schaffte es in der Zwischenzeit, David auf dem Balkon auszusperren. Erst jetzt traute ich mich, das Bad zu verlassen. Kriechend auf meinen Knien. Ich konnte nicht mehr stehen. Ich konnte nichts mehr. Wir hörten, wie David vom Balkon aus ebenfalls die Polizei rief. Wegen Freiheitsberaubung.

Als die Polizisten kamen, erklärte ich ihnen, so gut ich konnte, was vorgefallen war. Sie sahen zur Balkontür und sagten, es sei eine sehr gute Lösung gewesen, ihn in dieser Situation auszusperren. Dann fragten sie, ob ich ein paar Sachen packen und mit meiner Schwester mitfahren könnte. Sie blieben, solange ich meine Sachen packte und ließen David erst wieder rein, nachdem wir die Wohnung verlassen hatten. Ich hörte noch, wie er sagte:”Wir haben uns halt gestritten.” Einer der Polizisten sagte:”Aber deshalb müssen Sie doch nicht so völlig überreagieren. Haben Sie sich mal bei ihr entschuldigt?” David sagte:”Ich wüsste nicht, wofür.”

Und er weiß es bis heute nicht. Ich inzwischen schon.